„Fast Tourism“ zerstört unsere Märchen

Ein Plädoyer für die Langsamkeit von Stephan Zurfluh, Reisejournalist aus Baden, Schweiz. 

St. Magdalena im Villnösstal. Ein Kirchturm, saftige Wiesen, im Hintergrund die bleichen Spitzen der Geisler-Gruppe. Ein Bild wie gemalt: Und genau das ist sein Verhängnis. Ein aktueller Bericht der dpa zeigt das ganze Ausmaß der Kapitulation: Ein idyllisches Bergdorf wird zur blossen Kulisse für Instagram degradiert. Die Einheimischen ziehen Zäune, während die Welt für ein Selfie über ihren Lebensraum herfällt.

Konsum-Vampirismus im Tourismus

Wir müssen das Kind beim Namen nennen: Der moderne Massentourismus hat sich zu einer Form von Extraktions-Vandalismus entwickelt. Es sind die Kreuzfahrt-Riesen, die tausende Tagestouristen in fragile Ökosysteme ausspucken, und die straff organisierten Reisegruppen aus Übersee, die Europa in zehn Tagen „erledigen“ wollen.

Das Problem ist nicht nur die Menge, sondern die Mentalität. Es ist ein Null-Euro-Tourismus: Man kommt, man besetzt den Raum, man blockiert die Sicht, man schießt das Foto, worauf man wieder verschwindet, ohne auch nur einen Cent in der lokalen Wirtschaft zu lassen oder ohne ein Wort mit einem Einheimischen zu wechseln. Das Mittagessen wartet auf dem Schiff oder im Bus, geschlafen wird in der anonymen Bettenburg am Autobahnkreuz. Zurück bleibt nichts als Müll, Abgaswolken und genervte Bewohner.

Das Ende des Märchens

Auf meinem Portal Märchenreisen schreibe ich über jene Orte, die das Herz berühren. Orte, die eine Seele besitzen. Doch immer öfter merke ich, wie der „Fast Tourism“ das zerstört, was er zu suchen vorgibt. Er ist die „Fast-Fashion“ des Reisens: billig produziert, rücksichtslos konsumiert und nach dem Upload bei Instagram bereits wertlos.

Ein Märchen lässt sich nicht im Vorbeigehen erleben. Man kann die Magie eines Ortes wie St. Magdalena nicht „besitzen“, indem man sie digital konserviert, während man mit dem Rücken zum Berg steht. Siegt diese Art Rücksichtslosigkeit der Linse über den Respekt vor Privatsphäre, stirbt die Gastfreundschaft. Wo nur noch konsumiert wird, zieht sich das echte Leben zurück. Was bleibt, ist ein Disneyland. Doch ein Ort mit Seele und Verweildauer ist keine Attraktion, sondern ein Lebensraum. 

Eine Einladung zur Langsamkeit

Als Defluencer lege ich den Finger in diese Wunde. Aber ich möchte auch eine Tür öffnen. Reisen ist kein Wettlauf, kein Wettbewerb um die meisten Likes oder die abgearbeitete Bucket-List, sondern viel mehr die Einladung, Tourismus als wertvolle Auszeit ohne Hektik und ein Einlassen auf neue Eindrücke. 

Reisen bedeutet Gast-Sein. Ich möchte dazu ermutigen, die Langsamkeit zu suchen. Wer ein Dorf wirklich erleben möchte, sollte dort verweilen. Setzt Euch in das lokale Café, kauft beim Bäcker im Dorf ein und übernachtet in der familiengeführten Pension. Schenkt dem Ort Aufmerksamkeit und Wertschätzung.

Ein echtes Märchen offenbart sich, indem die Zeit dabei unbedeutend wird. Ein Ankommen erleichtert vielleicht das DeutschlandTicket. Es benötigt Zeit, den Marktplatz zu beobachten und in einer Gaststätte einzukehren. Vielleicht kann so auch ein echtes Gespräch mit Einheimischen gelingen – aber nur so. Ein lokales Schmankerl wird erst so zur authentischen Sinnesfreude. Gastfreundschaft ist keine Einbahnstraße; sie braucht aber ein Gegenüber, das bereit ist, Gast zu sein, statt nur Konsument.

Fazit: Tourismus spüren statt abarbeiten

Die Zukunft des Tourismus wird reglementierter sein, und sie muss es sein, um Orte wie St. Magdalena zu retten. Doch wir haben es selbst in der Hand. Lasst uns aufhören, Orte zu „verbrauchen“, und lasst uns wieder Reisende werden, die Spuren der Sympathie hinterlassen statt Datenmüll auf fernen Servern.

Die schönsten Geschichten berühren und finden Eingang ins eigene Herz. Sie werden nicht viral, sondern reflektieren Erlebnisse mit Mitmenschen.




ITB Berlin, die Leitmesse für Tourismus

Die ganze Welt der Touristik blickt im März nach Berlin. Jährlich feiern wir dort den Internationalen Frauentag mit unseren Branchenkollegen aus der GUS und treffen Aussteller und Fachbesucher aus aller Welt. Zu meiner ersten Reise erklärte man mir, „dort kannst du Kontakte knüpfen.“ Heute ist es mehr ein sich Begrüßen und einander Sehen. Anfragen auf der ITB, so scheint mir, landen in einer riesigen Lostrommel. Die Touristiker sind nicht mehr an Kontakte ohne feste Buchungen interessiert.

Heute entpuppt sie sich für mich als Journalisten als beste Messe im Tourismus. Nirgendwo anders finden so viele Pressekonferenzen auf Deutsch oder Englisch statt. Ich tausche mich mit Journalisten aus, erlebe Inspiration, erfahre von neuen Studien und Büchern. Jedoch enttäuschen einige Aussteller, mit ihnen finden kaum noch konstruktive Gespräche statt. Die Fachmesse degenerierte hier und da leider auch in Richtung Meeting-Plattform; Grüppchenbildung und „sehen und gesehen werden“, ohne sich wirklich austauschen zu wollen. Einige Aussteller mussten wir daher schon abmahnen.

Auch die Publikumstage sollten eine Idee mutiger angegangen werden; Aussteller sollten an diesen Tagen ihre Stände mit keinen unbedarften Praktikanten besetzen lassen. Manche Aussteller sollten sich wieder Ergebenheit gegenüber den Reisenden und respektvolleren Umgang mit engagierten Touristikern zugestehen.

Wir nutzen immerzu alle fünf Messetage an der ITB und schätzen es, dass es diese Leitmesse in Berlin gibt. Denn die Berliner Mentalität verkündet sympathische, kontaktfreudige Züge und verleiht der Messe das „i Tüpfelchen“.
ITB- Berlin – grösste Fach- und Publikumsmesse in Europa

Hier einige Bilder;

ITB 2023

Nach drei Jahren Pause öffnete die ITB wieder ihre Toren, diesmal als reine Business-Messe. Für die meisten Aussteller ist das Publikum dort interessant, doch manche Ländervertreter wären gern länger auf der Messe, und viele Berliner vermissten die drei Jahre über die Publikumsmesse.

Zu einigen Begegnungen dort berichtete ich bereits;
amerika.reisen/itb
armenien.reisen/itb-2023
aserbaidschan.reisen/itb
saudi.reisen/itb
sierra-leone.reisen/itb

Folgen werden noch viele Beiträge. Doch vor allem bleibt mir die Erinnerung eines großartigen Anlasses, worauf ich internationale Aussteller antreffen konnte. Erneut vermochte ich unzählige Impressionen auf der Messe einzufangen und führte tolle Gespräche. 

Erneut traf sich die Welt 2024 auf der ITB Berlin. Ein wunderbarer Ort der Begegnung ist sie. Zum ersten Mal konnte ich an der prachtvollen Eröffnung des Gastland Oman teilnehmen.

Für mich ergibt die ITB immer einen Anlass, mich für Frieden und gegen Ausgrenzung einzusetzen. Das stellt sich für geschäftige Aussteller als Spagat heraus.  

Ich habe im Nachgang folgende Presseinformation an die drei wichtigen Tageszeitungen in Berlin (Morgenpost, Berliner Kurier und Tagesspiegel) verschickt.

Auf der ITB Berlin kommt die Welt zusammen!

Es ist immer wieder schön, Freunde aus der ganzen Welt zu treffen und sich über Länder zu informieren. Heute ist die Messe eine Konferenz. Die Stände sind immer noch schön, nur die klassische Information geht unter. Termine machen, Besprechungen führen, das frühere Schlendern, die schönen Geschenke, die Gastfreundschaft oft passe. 

Nachdem ich mich letzten Jahren für den Frieden eingesetzt habe, setzte ich diesmal den Schwerpunkt auf Afrika und Technik. Erstmals habe ich die Pressekonferenzen der ITB besucht. Es sind Präsentationen, kritische Frage nicht willkommen.  

Viele Besucher informieren sich gerne beim Kongressteil der ITB. Das Motto für 2025 lautet: The Power of Transition Lives Here. Doch weshalb kostet gerade der thematische Workshop separat?

Messen haben es schwierig, die ITB geht den Weg einer Businesskonferenz und startet mit The Americas einen Ableger in Guadalajara.

Zur ITB 2025 habe ich einen Bericht mit ein wenig Ironie verfasst

Im Jahr 2026 gehe ich neue Wege. Ich möchte Peaceland als Gastland nach Berlin lotsen und werde weniger auf der Messe vertreten sein als mit den Berlinern über die ITB zu sprechen.

Vom Branchenprofi zum Friedensaktivisten

Inzwischen hat sich mein Fokus gewandelt: Verfolgt habe ich den Weg konsequent weiter und bin heute primär als Friedensaktivist unterwegs. Der Tourismus steht an einem Wendepunkt; ich habe mich gedanklich intensiv über seine Zukunft auseinandergesetzt. Meine aktuellen Impulse dazu findet Ihr unter anderem in meinem neuen Beitrag auf Angolareisen.

Die Ausgrenzung in der Welt nimmt leider weiterhin zu, was das Herzstück des Tourismus, die echte Gastfreundschaft und Begegnung, schwer belastet. Trotz aller Herausforderungen bleibt die ITB eine Insel, worauf „die Welt zusammenfindet“. Genau diesen Dialog möchte ich fördern und die Messe weiterhin als Plattform zur Verständigung nutzen.

In nächster Zeit werden weitere Beiträge auf meinen vielen Webseiten folgen, die den Tourismus aus dieser neuen, friedenspolitischen Perspektive beleuchten. Dies trotz einer gewissen Arroganz und Ignoranz einiger Aussteller. 

Tourismus ist Friedensarbeit. Indem wir zuhören und einander begegnen, lebt Frieden und Menschlichkeit auf.