Das Wallis, dieser malerische Flecken Erde, der normalerweise eher für seine Bergbahnen und geschmolzenen Käse bekannt ist, wurde für Rainer Maria Rilke (1875–1926) zu jenem Ort, an dem sich poetische Ewigkeit mit irdischer Endlichkeit traf. Nachdem er jahrelang ziellos durch Europa gegeistert war, konnte er endlich seine Dichtung vollenden.
Im Muzot fand er seine literarische Glückseligkeit. Hier, inmitten der stillen Alpen, vollendete er die Duineser Elegien und die Sonette an Orpheus in einem Schaffensrausch. Man könnte fast meinen, das Wallis habe ihm Inspiration und zugleich seine Endstation geschenkt. Hauptsächlich, weil Rilke hier – weit ab vom Pariser Literaturbetrieb – endlich Ruhe bekam. Ein ideales Setting also, um später Pilger und Kulturreisende anzulocken.





Sein letzter Wunsch war es, in Raron beigesetzt zu werden. Der Ort selbst ist herrlich konserviert, schöne denkmalgeschützte Elemente einbettend, die sich dem Laufe der modernen Zeit standhaft widersetzen. Ein Traum für den sanften Kulturtourismus! Man muss dem Dichter zugutehalten: Da liegt Rilke neben der Kirche, die das Tal überstrahlt und den Blick auf die Walliser-Berge gewährt. Ein Grab mit Aussicht, das manch einem Prominenten erst nach hartnäckiger Verhandlung zugestanden wird.
Der Dichter wählte dafür wohl einen schönen Ort aus, denn wunderbar widerspiegelt dieser seine eigene erhabene Lyrik: hoch, rein und der Welt entrückt. Die Mehrzahl der Besucher staunt über sein selbstgewähltes Epitaph von der Rose, die den Inbegriff des Widerspruchs darstellt. Ein wahrer Dichter weiß eben, wie man einen endgültigen Abgang inszeniert – auch einen Abgang, der sich zusätzlich als wundervolles Fotomotiv eignet. Die makellose Erhabenheit in Raron lässt sich vollkommen mit stilvollem Rilke-Marketing ergänzen.
Doch wer glaubt, in Raron herrsche nur reine Poesie vor, wird von der lokalen Überlieferung eines Besseren belehrt; und genau hier beginnt jener touristische Alleinstellungsfaktor, der Rilke von staubtrockenen Klassikern unterscheidet. Denn während die Welt Rilke als den Lyriker der Engel verehrt, scheint das Wallis den Mann hinter dem Mythos zu kennen – und dieser Mann liebte und begehrte die Frauen. In einer Dorfkneipe, bei einem Walliser Bier, könnte Ihnen stolz verkündet werden, neben einem Urenkel von Rilke zu sitzen.
Und ergänzend trocken bemerkt ein Danebensitzender, dass Rilke „der Hurenbock war, der es wohl mit jedem Weiberrock hatte“. Die rhetorische Frage, wieviel Kuckuckskinder wohl dadurch geboren wurden, dürfte deshalb im Wallis wahrscheinlich als verständliche „Überprüfung von Fakten“ verstanden werden. Die Ironie liegt auf der Hand: Der Mann, der so hochgeistige Verse schuf, hatte sich der irdischen Liebe verschrieben. Dieser Skandal brachte eine entsprechende Brücke zwischen der elitären Dichtung und dem Stammtisch hervor.
Rilke der engelhafte Dichter und der umtriebige Frauenheld – beide Versionen teilen sich einen unerlässlichen Raum im Walliser Gedächtnis. In Raron erwirkt somit das Gedenken an Rilke einen Triumph des Menschlichen: Selbst der Dichter, der sich so sehr nach Transzendenz sehnte, konnte seine Lust nicht abschütteln. Rilkes Epitaph „Eine Rose“ mag ein reiner Widerspruch darstellen, aber Rilke selbst war der überaus amüsante und exemplarische Widerspruch zwischen göttlichem Werk und einem allzu menschlichen Lebenswandel. Ein Erbe, das literarische Pilger ebenso anzieht wie Neugierige, die unbedingt wissen möchten, wo jetzt eigentlich all die „Kuckuckskinder“ Wein anbauen. So gesehen, ist Rilke nicht nur ein Klassiker, sondern auch ein wundervoll menschliches und somit touristisch verwertbares Phänomen.



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